Das Anthropozän ist überall

© Katharina Kücke, Neuköllner Oper

Das Anthropozän ist überall! Sogar in der Neuköllner Oper Berlin. Ganz besonders sichtbar gemacht durch eine Installation, in dem physische, von Teilnehmenden mitgebrachte Objekte der Sammlung des Anthropozäns im Zeitraum vom 15. Oktober bis 12. November das Studio der Oper füllten.

Ein Beitrag von Dr. Claire Förster, Ethnografin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „NuForm“ am Museum für Naturkunde Berlin

Die Berliner Neuköllner Oper inszenierte, in Kollaboration mit syrischen und deutschen Kunstschaffenden, das Musiktheater „Neue Lieder von der Erde“. Da sich auch das Museum für Naturkunde Berlin im Rahmen des „Natur der Dinge“-Projektes mit der Welt im Wandel befasst, bot sich in der Zusammenarbeit mit der NKO eine hervorragende Gelegenheit partizipatives Sammeln mit künstlerischer Inszenierung zu kombinieren, ermöglicht u.a. durch Sabrina Rossetto, die für das Bühnenbild zuständig war. Ein großer Dank also an die künstlerische Leitung und alle Beteiligten, die dem Museum erlaubten, aus seinen gewohnte Gefilden zu entkommen!

Wozu das Ganze?

Was eigentlich als Workshop angelegt war, entpuppte sich als eine Art drop-in-Mitmach-Möglichkeit für Menschen, die für die Oper kamen, aber die Gelegenheit zum Austausch über ‚Natur‘ und deren Wandel nicht missten. Motiviert von Mitgliedern des „Natur der Dinge“-Teams, konnten Menschen vor Ort physisch mitgebrachte Objekte, aber auch virtuelle Objekte spenden. Hinzu kam, wie auch auf der online-Version der digitalen Sammlung möglich, dass Besuchende auf rosafarbenen Kärtchen Kommentare zu bereits vorhandenen Objektgeschichten abgeben konnten.

 

 

Die Idee dahinter, wie auch bei dem Projekt als Ganzes, ist es herauszufinden, was – welche Objekte und Geschichten – Menschen mit dem Menschenzeitalter verbinden. Und, welche Objekte sie dafür in einem Museum aufgehoben bzw. ausgestellt sehen wollen. Um einen Ansatzpunkt zu haben, konnten sich Besuchende vor Ort die bereits vorhandenen Objektgeschichten durchlesen und eigene Eindrücke und Impulse dazu äußern.

In der Neuköllner Oper folgte auf die Frage nach symbolischen Objekten für das Menschenzeitalter oftmals der Satz „Alles, was bei mir im Keller liegt“.

Also, alles das, was eben „gesammelt“ wurde und heute scheinbar unnütz geworden ist. Holz. Alte Computer. Bücher. Schlittschuhe, die früher auf zugefrorenen Gewässern zum Einsatz kamen. Heutzutage? Werden Winter wahrnehmbar nicht mehr kalt genug, um Gewässer zufrieren zu lassen.

Die Objekte sind „Aufgehobenes“, von dem Menschen ausgingen, dass es nochmal Verwendung finden könnte. Jedoch haben sich die Zeiten geändert. Die Objekte büßten ihren Nutz-Wert ein und erhielten stattdessen einen „nostalgischen“ Wert. Sie stehen für Zeiten, die „nie wieder kommen“; die vorbei sind, aber vielleicht vermisst werden.

Im Zuge der Ausstellung in Neukölln ließen sich Besuchende deswegen auch häufig zu Fragen verleiten, wie zum Beispiel: „Warum hab ich das eigentlich nicht weggeschmissen?“, wenn sie ihre eigenen Sammeltendenzen in vorhandenen Objekten wieder entdeckten.

Die Spannung zwischen „Müll“ und dem, was eventuell einen neuen Wert erhalten hat oder haben könnte, prägte die Diskussionen um die Anthropozän-Objekte. Viele verstanden unser jetziges Zeitalter als eines, in dem „viel zu viel produziert“, weggeschmissen und ersetzt wird, obwohl es eigentlich noch funktioniert. 

Der Sammlung wurden somit auch Objekte gespendet, die hätten weggeschmissen werden können. Sie sind Relikte von Zeiten, in denen mehr geflickt, gestopft, selbst repariert wurde. In diese Objekte wurde also Arbeit und Zeit investiert, statt sie zu ersetzen. „Heutzutage“, so die Meinung der Besuchenden, wird schneller weggeschmissen, weil ständig alles neu auf den Markt kommt…oder sich nichts mehr einfach so reparieren lässt. 

In den Objekten ist also die Spannung verkörpert, die besagt, dass sie heute als altmodisch und ggf. Müll gelten. Aber dadurch, dass sie überdauert haben und aufgehoben (gesammelt) wurden, sind sie eben nicht zum Wegwerfen verdammt. Sie stellen eine Grenze zwischen der jetzigen „Wegwerfgesellschaft“ und einer Zeit dar, in der Produktion langsamer verlief und deswegen schwerer an Ersatz zu kommen war.

Für Besuchende scheint eine Grenze in der Wahrnehmung zu existieren, welche durch manche Objekte ausgedrückt wird. Sie meinen miterlebt zu haben, was bevor und nach der Wende zum Anthropozän war. Und das Anthropozän ist „jetzt“. Weswegen „alles, was bei mir im Keller liegt“ als Antwort auf Symbole des Menschenzeitalters auch verkürzt werden könnte zu: „Alles.“ 

Was die Menschen vor Ort nämlich betonten, ist, dass das Anthropozän allgegenwärtig ist. Mit allem ließe sich mensch-gemachter Wandel verbinden, denn: Das Menschenzeitalter ist „wie wir leben“.

 

 

Und wie ist es jetzt?

Besuchende vor Ort assoziieren das Menschenzeitalter stark mit negativen Gefühlen. Vergänglichkeit, Ersetzbarkeit, Schnelllebigkeit. Sie reflektieren, angeregt von den ausgestellten Objekten, ihre Beziehung zur nichtmenschlichen Natur. „Verlust“ ist ein großes Thema: Arten sterben und Menschen verlieren immer mehr den Bezug zur nichtmenschlichen Umwelt.

Zudem assoziieren Besuchende das Anthropozän auch mit dem Wegfall von gesellschaftlichen Normen und Wertesystemen. Durch einen stärkeren Einfluss ökonomischer Faktoren im Zuge der Industrialisierung scheinen Menschen das gesellschaftliche ‚große Ganze‘ ebenfalls „verloren“ zu haben. Zwar war ‚früher nicht alles besser‘, aber viele Menschen scheinen den Wandel (in) der Natur auch mit einem Wandel im sozialen Miteinander zu verbinden.

Das Ausstellen bzw. Archivieren der Relikte aus dem Davor, bevor „gesellschaftlicher Zusammenhalt“ dem „schneller, höher, weiter“ der Gewinnmaximierung wich, hat deswegen eine besondere Bedeutung für Besuchende. Denn es ließe sich ja fragen: Warum sollten die Objekte „aus dem Keller“ geholt und ins Museum gebracht werden?

Der verlorene Nutzwert eines DDR-Handrührgeräts oder von Meisenknödeln, an denen nun keine Meisen mehr naschen, macht die Objekte doch offenbar obsolet? 

Vielleicht. Aber nicht nutzlos. Die Besuchenden wollen die Geschichten hinter den Objekten teilen und bewahren. Die (Kindheits-)Erinnerungen und Naturerfahrungen, die Menschen mit den Objekten verbinden, sind es wert aufgehoben, ausgestellt und geteilt zu werden. „Du kennst das gar nicht mehr“ sagte ein Elternteil zu seinem Kind. Die Person, die das Objekt spendete, dachte sich aber offensichtlich, dass es sich lohnt besagtes Objekt zu kennen. Zum Lehren; zum Lernen. Und als ein Zeichen des Wertschätzens von Dingen, die Menschen nicht als Müll wahrnehmen (wollen). In Zeiten, in denen scheinbar zu viel Müll produziert und in Umlauf gebracht wird, auf Kosten dessen was verloren geht. Zum Beispiel ‚unserer‘ Verbindung zur ‚Natur‘.

Sammeln und Ausstellen #FürNatur? Sicherlich nur eine Deutungsebene dessen, was im Oktober und November 2022 in der Neuköllner Oper unter Anregung des „Natur der Dinge“-Teams passierte. Wir bleiben gespannt auf das, was folgt! 

 

Fotos: Katharina Kücke, Neuköllner Oper

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